Chip-Implantat am Arbeitsplatz: Mythen und Legenden

Derzeit macht eine Nachricht die Runde, dass eine US-Firma demnächst eine Implant-Party veranstaltet, auf der ihre Mitarbeiter gechipped werden sollen. Die Aufregung darum ist groß. Dass in den betreffenden Meldungen allerlei Mythen verbreitet werden, macht es nicht leichter.

Überwachung

Eine durchgehende Überwachung der Mitarbeiter ist mit diesen Chips nicht möglich. Die Chips können nur aus sehr geringen Distanzen ausgelesen werden. Es ist letztlich egal, ob ich einen individualisierten Zahlencode, eine Keycard oder einen implantierten Chip verwende: In allen Fällen weiß der Arbeitgeber, wann welche Arbeitnehmer das Gebäude betreten oder verlassen. Wer mit diesem Argument implantierte Chips ablehnt, muss also auch individuelle Zahlencodes oder Keycards ablehnen. Insbesondere die meist auf RFID basierenden Keycards, die zumeist von ihren Mitarbeitern im Portemonnaie getragen werden, können unter Umständen auch aus größeren Distanzen ausgelesen werden, ähnlich wie übrigens auch das RFID-Tag, das sich standardmäßig im Personalausweis befindet. Der implantierte Chip ist also für Mitarbeiter, die sich sorgen, auch jenseits der Pforte überwacht zu werden, die sicherere Lösung.

Epicenter

In diversen Artikeln (zum Beispiel hier) wird das Epicenter erwähnt. Dieses sei angeblich ein schwedisches Startup, das seine 150 Mitarbeiter gechipped habe. Das ist leider eine Legende. Bei Epicenter handelt es sich um einen Co-Working-Space. Epicenter hat selbst kaum Mitarbeiter, sondern Freelancer können sich bei Epicenter einen Desk mieten und mit anderen Freelancern co-worken. Es gibt dort kein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis zwischen der Leitung des Coworking-Spaces und denjenigen, die dort arbeiten. Dass man sich dort chippen lassen kann, um dann mit diesem Chip statt einer Keycard das Gebäude zu betreten und andere Dienste zu nutzen, ist ein freiwilliger Service, der von den Nutzern des Epicenter gerne in Anspruch genommen wird. Sich zu wundern, dass Leute das freiwillig tun ist etwa so, als wundere man sich, dass ein Artist im Tattoo-Studio selber auch Tattoos hat.

Auslesen von Gesundheitsdaten

Vielfach wird behauptet, diese Chips könnten vom Arbeitgeber genutzt werden, um Körperfunktionen und Gesundheitsdaten zu überwachen. Das ist bei den uns bekannten, derzeit auf dem Markt erhältlichen Chips nicht der Fall. Trotzdem ist der Einsatz von implantierten Chips nicht unproblematisch:

Freiwilligkeit

Sich ein reiskorngroßes Chip-Implantat spritzen zu lassen, ist weitaus weniger schmerzhaft als das Stechen eines Ohrlochs. Die Implantate werden vom Organismus gut vertragen, dazu gibt es jahrzehntelange Erfahrungen mit dem Chippen von Haustieren. Dennoch muss selbstverständlich respektiert werden, wenn Menschen das nicht wollen. Chip-Implantate für Payment, Identifikation oder Einlasskontrolle könnten ausgesprochen praktisch sein, es müssen aber grundsätzlich alternative Möglichkeiten angeboten werden, etwa eine Keycard für diejenigen, die keinen Chip nutzen möchten – oder im Payment-Bereich das gute alte Bargeld. Das ist natürlich im Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis ein Problem, da hier nicht per se von Freiwilligkeit ausgegangen werden kann. Arbeitgebern kann der Einsatz solcher Technik also nur gestattet werden, wenn sie Alternativen anbieten und nicht davon auszugehen ist, dass diese nur auf dem Papier bestehen und subtiler Druck auf die Arbeitnehmer ausgeübt wird.

Sicherheit

Theoretisch könnten Chip-Implantate die Sicherheit drastisch erhöhen. Es ist schwer sie zu stehlen und sie können – entsprechende Infrastruktur vorausgesetzt – alles ersetzen, was sich im Portemonnaie findet. Wem schonmal das Portemonnaie gestohlen wurde, kennt den enormen Kosten- und Zeitaufwand, bis alle Karten gesperrt und wieder besorgt sind. Leider hat die Sache einen Haken: Die Chips können mit mittlerem Aufwand gefälscht werden, was einen umfassenden Identitätsdiebstahl ermöglichen würde. Solange es keine hinreichende Fälschungssicherheit für passive RFID- und NFC-Chips gibt, birgt deren flächendeckende Einführung hohe Sicherheitsrisiken, unabhängig von der Frage, ob man sie implantiert oder in der Hosentasche mit sich herumträgt.